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Der Vollbart – Ein Abgesang

Seit einigen Monaten trifft man in den deutschen Großstädten wieder vermehrt auf Männer, die ihrem Rasierer abgeschworen haben und ihrer gottgegebenen Gesichtsbehaarung frönen. Man lässt ihn wieder wachsen, den Bart. Dabei geht es vom flusigen Drei-Tage-Bart über einen kantigen Kinnbart bis hin zu einem verfusselten Vollbart a la Rübezahl.
Egal, wohin man blickt, wohin man geht. Man begegnet ihm, dem ausgewachsenen Vollbart, nun nicht mehr nur an pfeiferauchenden Professoren in Antiquariaten, am freundlichen Nachbarn aus dem nebeneuropäischen Ausland, dem Kentucky Fried Chicken Colonel, dem orthodoxen Popen an der Ampel oder beim Schöpfungslehrebefürworter in Naturkostläden, sondern in den angesagten Szene-Gastronomien, Kreativagentur-Parallelwelten und unvermittelt auch in Strategiemeetings in der Chefetage.

Hier hat sich ein Gegentrend zum glatten, in Form gezupften, metrosexualisierten Mann der letzten Jahre entwickelt, den man in seiner groteskesten Form mit scharf kurzrasierten Augenbrauen und einem Waxing der kompletten Körperbehaarung begegnete. Nun bahnen sich die Haare und mit ihnen die Natürlichkeit ihren Weg zurück in die Gesichter. Muss man es aber immer wieder gleich so übertreiben? Wir sprechen hier nicht mehr vom akkurat gestutzten Vollbart, der die maximale Länge von 4cm nicht überschreitet. Nein, es geht um das Schiff, das diesen Hafen bereits vor Monaten hinter sich gelassen hat und nun kraus und wirr vor Madagaskar liegt.

Die Entwicklung hin zum gesellschaftlich anerkannten Rauschebart war bereits in den ersten Zügen in 2006 zu erkennen. Die Early Birds waren auch in diesem Fall wieder in den USA zu identifizieren und fanden im Anschluss daran den Weg über den Ozean über Großbritannien nach Deutschland. Die “Vollbartdichte” in Metropolen wie New York und London ist nicht länger zu ignorieren, auch hierzulande bemerkt man ein deutlich spürbares Anwachsen.

Die Süddeutsche schreibt unter “Kreativtrend Vollbart – Der Mann ist wieder Mann” und zitiert José Redondo-Vega, den Chefredakteur der deutschen GQ wie folgt: “Die Zeiten sind rauer geworden und es ist jetzt ein Männertypus gefragt, der rougher und maskuliner daherkommt.”

Rougher und maskuliner, gerne. Ungepflegt – nein, danke.

Der Vollbart soll ein urtypisches, archaisches, unangepasstes Männerbild vermitteln; das visuelle und haptische Ergebnis geht in den allermeisten Fällen aber leider gehörig daneben. Anders als die vom Modedesigner Robert Tagliapietra, Teil des Duos Costello Tagliapietra. bezeichnete: “Es ist eine schöne, maskuline Ästhetik” (New York Times), sieht der Vollbart in den meisten Fällen ungepflegt, muffig und zottelig aus. Wie bei einer der Figuren, die gerade mitten im Jongliervorgang des Mittelalterspektakels steckten, als sie von Mo “Zauberzunge” aus Cornelia Funkes “Tintenherz” herausgelesen wurden.

Nach der zunehmenden Verweiblichung des Mannes der letzten Jahre, gestehen wir ihm in seiner Rauschebart-Phase eine Zeit der Wiederselbstfindung sehr gerne zu. Da wir aber weder dornenvögelig religiösen Anwandlungen nachgehen, noch plüschige Vorlieben wie für “Tier” aus der Muppetshow entwickeln werden, ist das Ende des Vollbarts in einer Rasur vorprogrammiert – oder sieht sich auch nur eine von uns mit einem von diesen Catweazels hier ausgehen?

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