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Kategorien-Archiv: DIKTAT
Der Netiquette-Blues
Ich erinnere mich noch gut an viele Momente in meinem Teenagerleben. Zu den unschönen Momenten zählen zweifelsohne diese, wo man sich quasi unter Gruppenzwang (gerade einmal drin, kann Dich eine falsche Bemerkung sodann wieder raus katapultieren) zu unbedachten Aussagen hinreißen lässt, die man einen Augenblick später gleich wieder bereut.
Auf die allgemeine Frage: “Sieht mein Hintern zu fett in dieser Hose aus?”, folgte zu oft die höfliche Antwort: “Nein, das tut er nicht. Steht Dir super!” – das gleiche Prozedere in vielfältigen Variationen, alle um die Proportionen der Schwerpunkte Hintern und sich entwickelnden Busen kreisend. Irgendwann habe ich die ständigen Wiederholungen dieser “Höflichkeiten” nicht mehr ausgehalten. Und als ich es dann mal mit “Ich finde eigentlich nicht, dass Du überhaupt enge Hosen tragen solltest. Versuch es doch lieber mal eine Nummer größer – oder wie wäre es mit diesem Rock?” versucht habe, nachdem der speckige Po meiner Bekannten schon über das Bündchen ihrer Jeans quoll, fand ich mich auch ziemlich schnell auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis wieder.
Die Bekanntschaft verlief nach besagtem Besuch im Jeansladen ganz rasch im Sande, über dritte wurde mir später zugetragen, ich wäre ja nur “sowas von neidisch”. Auf was? Diese Frage konnte mir allerdings niemand beantworten.
Das ist so ziemlich meine erste Erinnerung an das Thema “Offenheit” unter Gleichaltrigen. Fortan habe ich meine Jugendzeit auch mit dem Freundeskreis meiner Geschwister verbracht, die so nett waren mich trotz eines nicht gerade kleinen Altersunterschieds so oft wie möglich zu integrieren. Wie wurde hier auf Offenheit reagiert? Teilweise etwas verblüfft, aber immer positiv und ebenso offen. Niemand teilte meinen Geschwistern anschließend mit, dass ich ja “sowas von neidisch” wäre – und da alle ihrer Freunde immer wieder kamen und ich bis heute trotz zahlreicher Streitgespräche nichts negatives zu dem Thema gehört habe, muss ich zwangsläufig annehmen, dass ich die beiden nicht bis auf die Knochen blamiert habe.
Mit der Netiquette im Netz verhält es sich ähnlich.
Stell Dich vor. Schreibe nett. Schreibe freundlich. Bleib positiv. Hebe gutes hervor. Ach egal, heb einfach hervor. Und zu guter letzt: LIEBE ES!
Wenn Du es liebst, wirst Du wieder zurück geliebt in Form von Kommentaren. Je euphorischer Du Dich ans Werk machst, desto tsunami-artiger flutet es Dir wieder entgegen. On top brachte ich es so auf über 90 Kommentare pro Posting.
Das ist an sich nicht unbedingt schlecht. Du bist immer optimistisch und surfst auf dieser Welle mit. So lange bis Du strauchelst und unter ihr zusammenbrichst, weil Dir soviel “Liebe” schon beinahe Übelkeit verursacht und ein an sich schönes Wort bis zur Unkenntlichkeit verhohnepipelst.
Am Anfang ist es wie mit allem: Du bist begeistert über das Internet an sich, über die Vielfalt und die Internationalität, über das Maß an überbordender Freundlichkeit und Zustimmung… über Groß- und Kleinschreibung. Am Ende kommt die Ernüchterung und Du wachst auf mit einem Kater, der es in sich hat. Zumindest ging es mir so. Blog-Burnout. Netiquette-Blues.
Na gut. Warum also nicht ein bisschen variieren.
Jedoch kam auch hier die alte Weisheit “Wenn Du nichts nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts” wieder mal zum Tragen. Nachdem bereits einfache Kommentare wie “Die Farbe wirkt wenig vorteilhaft” (dunkelbraune Bluse zu extrem blassen Teint) oder ein dezent gesteigertes “Diese Plateauschuhe sehen leider aus wie Knobelbecher” (zwei Wasserkästen unter die Fußsohlen geschnallt) aus den Kommentaren gestrichen wurden, sich aber 101 “Ich liebe es” Beiträge aneinanderreihten, war klar, dass Ehrlichkeit bei diesen Adressen kein so hohes Gut darstellt – oder zumindest in Fragen des eigenen Bekleidungsstils bevorzugt ausgeblendet wird.
Einige Blogger-Bekannte konnten es nicht ertragen, wenn sich ein Besucher derart in den Kommentaren zu ihren so mühevoll arrangierten Postings verewigen wollte. Diese Kommentare wurden dann eben einfach gar nicht erst freigeschaltet. Als ob man den Blog mit Bildern seiner selbst ins Netz stellen und nur Liebe und Zustimmung einfangen könnte. Schließlich wird man auf der Straße schon mit genug skeptischen Blicken zu den neuen Margiela-Stiefeln gemustert. Da muss man dann nicht auch noch erfahren, was genau sich hinter diesen skeptischen Blicken verbirgt.
Man schafft sich sein kleines, launiges Regina-Regenbogen-Refugium, wo alles hell und heiter ist – und kein Widerspruch durch die dicke Schicht aus aufgestauter Sonnenschein-Freundlichkeit hindurchwalkt.
Bitte nicht falsch verstehen, das soll jeder so handhaben, wie er es für sinnvoll und richtig erachtet. Ich möchte keine Scheiße an rosarote Blogger-Häuschen werfen.
Aber für mich ist das Ende der Fahnenstange hiermit erreicht.
Sowie die Matrix 1.0 gescheitert ist, scheiterte auch ich an dem falschen Anspruch unbedingt freundlich sein zu müssen, um mich durch die Blogosphere bewegen zu können. Ich stoße zunehmend auf kritische Beiträge auf Modeblogs, die nicht nur lobend und anerkennend darüber berichten, wie bewundernswert und herausragend z.b. die kleine Tavi Gevinson ist, sondern das sie verdammt nochmal wie einer der gruseligen Zwillinge aus Stephen Kings “Shining” anmutet (AMY+PINK).
Und das ist eine echte Wohltat für Augen und Geist.
Vogue Fashion Night Düsseldorf
ISABEL MARANT – In her closet….
I want to move in there….










